Wer hat das Sagen? Was passiert, wenn adaptive Arbeitssysteme unsere Arbeit steuern.

Im Research Insight „Wer hat das Sagen? Was passiert, wenn adaptive Arbeitssysteme unsere Arbeit steuern.“ präsentierte David Kostolani aktuelle Forschungsergebnisse zur Zusammenarbeit von Mensch und KI aus dem Projekt Assist2Produce.

Im Zentrum des Vortrags stand die Frage, wie Menschen adaptive Arbeitssysteme wahrnehmen – insbesondere dann, wenn diese nicht nur unterstützen, sondern aktiv in Arbeitsabläufe eingreifen und Entscheidungen treffen. Die Ergebnisse legen nahe, dass unsere Vorstellungen von Kontrolle und Autonomie häufig komplexer sind, als wir zunächst annehmen würden.

Zwischen Kontrolle und Zusammenarbeit

Wenn über KI in der Arbeitswelt diskutiert wird, steht häufig die Sorge im Raum, Menschen könnten die Kontrolle über ihre Arbeit verlieren. Gleichzeitig versprechen intelligente Assistenzsysteme mehr Effizienz, geringere Belastungen und bessere Arbeitsbedingungen.

David Kostolani stellte die provokante Frage: Ist Autonomie tatsächlich immer das wichtigste Ziel – oder sind Menschen bereit, einen Teil ihrer Entscheidungsspielräume an KI-Systeme abzugeben, wenn diese einen erkennbaren Nutzen bieten?

Um dieser Frage nachzugehen, präsentierte er mehrere Studien aus seinem Forschungskontext, die unterschiedliche Formen der Mensch-KI-Interaktion untersuchten.

Wenn KI Entscheidungen trifft – und Menschen das akzeptieren

In einer der vorgestellten Studien wurde untersucht, wie Personen auf einen höhenverstellbaren Tisch reagieren, der seine Position selbstständig an die jeweilige Arbeitssituation anpasst. Das System entschied autonom, wann der Tisch angehoben oder abgesenkt wurde – die Nutzer:innen hatten keine direkte Kontrolle über diese Anpassungen.

Die Ergebnisse zeigten: Obwohl die KI die Entscheidungshoheit vollständig übernahm, wurde das System überwiegend positiv bewertet. Ausschlaggebend war dabei der wahrgenommene Nutzen. Wenn die automatische Anpassung als Verbesserung der Ergonomie erlebt wurde, waren die Teilnehmenden bereit, Kontrolle an das System abzugeben.

Augmented Reality in der Montage: Wer bestimmt den nächsten Schritt?

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf adaptiven Assistenzsystemen in der industriellen Montage. Gerade bei komplexen Arbeitsprozessen kommen zunehmend Augmented-Reality-Anwendungen zum Einsatz, die Beschäftigten Schritt für Schritt durch Arbeitsabläufe führen.

Dabei stellte sich die Frage: Wer entscheidet eigentlich, wann zum nächsten Arbeitsschritt gewechselt wird?

In einer Machbarkeitsstudie wurden zwei Varianten verglichen:

  • Bei der ersten Variante steuerten die Nutzer:innen den Wechsel selbst über Sprachbefehle.
  • Bei der zweiten Variante erkannte ein KI-System automatisch, wann ein Arbeitsschritt abgeschlossen war, und schaltete eigenständig weiter.

Die Ergebnisse überraschten: Die Sprachsteuerung wurde von vielen Teilnehmenden als kognitiv belastender empfunden. Das zusätzliche Kommunizieren mit dem System unterbrach den Arbeitsfluss und erforderte Aufmerksamkeit.

Die automatische Weiterleitung hingegen wurde häufig als Form der Zusammenarbeit beschrieben. Solange das System zuverlässig funktionierte und die Interaktion flüssig verlief, entstand nicht das Gefühl, von der Maschine kontrolliert zu werden. Vielmehr wurde die KI als unterstützende Partnerin wahrgenommen.

Besonders deutlich zeigte sich dabei ein zentrales Motiv: Menschen möchten ungestört arbeiten. Unterbrechungen wurden unabhängig vom Interaktionsmodell als störend erlebt und mit geringerer Effizienz verbunden.

Überwiegt der Wunsch nach Effizienz gegenüber dem Wunsch nach Autonomie?

Über die verschiedenen Studien hinweg zeichnete sich ein interessantes Muster ab: Viele Teilnehmende waren bereit, kognitive Aufgaben und Entscheidungen an KI-Systeme zu delegieren – vorausgesetzt, die Zusammenarbeit funktionierte reibungslos und brachte konkrete Vorteile mit sich.

Die Forschungsergebnisse legen nahe, dass Autonomie nicht immer als absoluter Wert betrachtet wird. Vielmehr scheint sie gegen andere Aspekte abgewogen zu werden, etwa gegen Effizienz, Komfort oder die Reduktion von Belastungen.

Gerade im industriellen Kontext könnte dies eine besondere Rolle spielen. Während bei wissensintensiven Tätigkeiten häufig die kreative Problemlösung im Vordergrund steht, sind viele industrielle Prozesse stärker prozessorientiert. Dort kann die Auslagerung einzelner kognitiver Aufgaben als sinnvolle Unterstützung erlebt werden, ohne dass die Arbeit insgesamt als fremdbestimmt wahrgenommen wird.

Was bedeutet das für die Zukunft der Arbeit?

Zum Abschluss schlug David Kostolani den Bogen zu aktuellen Diskussionen rund um generative KI und Large Language Models. Auch hier zeigt sich: Menschen empfinden die Zusammenarbeit mit KI oft als effizient und hilfreich – selbst dann, wenn sie objektiv einen Teil ihrer kognitiven Prozesse auslagern.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, ob KI Kontrolle übernimmt, sondern vielmehr, wo wir die Grenze ziehen möchten.

Wie viel Autonomie ist uns wichtig? Welche Entscheidungen möchten wir selbst treffen? Und unter welchen Bedingungen sind wir bereit, Verantwortung an intelligente Systeme abzugeben?

Einfache Antworten darauf gibt es nicht. Die vorgestellten Studien machen jedoch deutlich, dass die Gestaltung zukünftiger Arbeitssysteme nicht allein eine technische Herausforderung ist. Sie erfordert auch eine gesellschaftliche und organisatorische Auseinandersetzung darüber, wie wir Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI verstehen – und wie wir sie künftig gestalten wollen.

Denn vielleicht geht es letztlich weniger darum, wer das Sagen hat, sondern vielmehr darum, wie eine Zusammenarbeit entsteht, die von Menschen als sinnvoll, unterstützend und vertrauenswürdig erlebt wird.