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Data Spaces in der Praxis: das niederländische SCSN

Datenräume bzw. „Data Spaces“ gelten derzeit als wichtige Innovationstreiber für die europäische Industrie. Aktivitäten zum Datenaustausch in Wertschöpfungsnetzwerken werden in unterschiedlichen Branchen verfolgt. Das Netzwerk Catena-X möchte z.B. einen Data Space für die Automobilindustrie schaffen. Auch die EU-Kommission fördert die Entstehung von Data Spaces (z.B. im Bereich Manufacturing). Einen Überblick zu den diversen Initiativen und Umsetzungsbeispielen bietet das Data Space Radar der International Data Spaces Association (IDSA).

Auf politischer und medialer Ebene wird das Potenzial von Data Spaces regelmäßig diskutiert. Vielen Unternehmen stellen sich dennoch die Frage: Welche Vorteile bringen Data Spaces tatsächlich und wie sieht deren Umsetzung in der Praxis aus?

Um diese Frage für die österreichische Industrie zu beantworten, organisierte die Plattform Industrie 4.0 gemeinsam mit der Industriellenvereinigung kürzlich eine Vortragsveranstaltung. Dabei zu Gast war Peter von Harten, Smart Industry Ambassador Plattform Smart Industry NL, Leiter von Isah Deutschland und Experte für das SCSN. Hinter der Abkürzung SCSN steckt das „Smart Connected Supplier Network“, ein aktiver Data Space in den Niederlanden.

In seinem Vortrag und in der anschließenden Diskussion stellte Hr. van Harten das SCSN vor, ging auf die Hintergründe des Projekts, dessen Umsetzung und die dadurch entstehenden Vorteile für Unternehmen ein.

Werkzeug für bessere Zusammenarbeit

Das SCSN ist im Umfeld des niederländischen Technologieunternehmens ASML entstanden. ASML baut Maschinen zur Fertigung von Halbleitern und ist wichtiger Bestandteil der europäischen Hightech-Industrie. Dessen Produkte sind entsprechend komplex – eine Maschine umfasst mehr als 50.000 Bauteile. Die Bauteile werden vielfach von anderen Unternehmen zugekauft, dementsprechend wichtig ist für ASML die Beziehungspflege mit LieferantInnen und mit dem Wertschöpfungsnetzwerk.

Rund um die zentrale Fragestellung, wie die Zusammenarbeit innerhalb eines solchen Wertschöpfungsnetzwerks verbessert werden kann, ist 2016 das SCSN als „Fieldlab“ entstanden. Fieldlabs sind eine Initiative der niederländischen „Smart Industry“-Strategie und zielen darauf ab, industrielle Test- und Experimentier-Umgebungen zu schaffen. 2020 gab es in den Niederlanden mehr als 45 solcher Fieldlabs, in denen über 10.000 Menschen bisher den Umgang mit Technologie erlernen konnten.

Digitales und souveränes Beziehungsmanagement

Zwischen dem Hersteller eines Produkts (OEM) und den Produzenten der dafür benötigten Rohmaterialien gibt es zumeist unterschiedliche Zulieferer. Über Geschäftsbeziehungen sind diese miteinander verbunden. Ziel des SCSN ist die Effizienzsteigerung innerhalb einer solchen Lieferkette in der Industrie – mit Hilfe des Austauschs von Produktions- und Prozessdaten.

Traditionell werden Daten zwischen zwei Firmen über Schnittstellen (z.B. E-Mail, FTP…) oder mit Hilfe von zentralen Plattformen (z.B. via Cloud Computing) ausgetauscht. Dabei kann es für Unternehmen aufwändig sein, individuelle Schnittstellen für einzelne Partner einzurichten bzw. eine zentrale Lösung zu finden, die von allen Partnern akzeptiert wird.

Hier setzt das SCSN an: Aufbauend auf dem Referenzarchitekturmodell der IDSA wurde ein Kommunikationsstandard geschaffen, der an die bereits existierenden Systeme und Standards in der Lieferkette anknüpft und diese miteinander verbindet. Durch eine gemeinsame Sprache (basierend auf UBL) und aufbauend auf dem Prinzip der Datensouveränität werden bestehende Software-Komponenten (insbesondere ERP-Systeme) interoperabel miteinander verbunden. Dadurch wird die digitale Verbindung innerhalb der Lieferkette eines Produkts hergestellt.

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Das Konzept eines Data Spaces und der Datensouveränität kurz erklärt

Effizienzsteigerungen und Zielsetzungen

Über das SCSN wird der direkte Datenaustausch zwischen den unterschiedlichen Ebenen eines Wertschöpfungsnetzwerks möglich. Dadurch ergeben sich verschiedene Vorteile. Anfragen können schneller beantwortet, auf Wünsche kann schneller reagiert werden. Unternehmen können selbst entscheiden, welche Daten sie wem zur Verfügung stellen möchten. Durch die direkte Kommunikation können Fehlerquellen vermieden werden.

Die bisherigen Ergebnisse sprechen für den Zugang der Niederländer. Das SCSN erzielte bisher Produktivitätssteigerungen in Höhe von 20% innerhalb des partizipierenden Wertschöpfungsnetzwerks. Mittlerweile sind bereits 300 Unternehmen Teil der Initiative. Ziel der unabhängigen Stiftung, die den SCSN-Standard verwaltet, ist es, diese Zahl in den kommenden Jahren auf 2000 Unternehmen zu steigern.

Möglichkeiten für österreichische Unternehmen

Am Ende seines Inputs ging Hr. van Harten auf die Möglichkeiten der Interaktion mit dem SCSN ein. Zum Schluss erklärte er den TeilnehmerInnen, welche „Hausaufgaben“ sie heute machen können, um potenziell bei Aktivitäten wie dem SCSN effektiv partizipieren zu können. Wichtig dabei sind z.B. ein vorhandenes Datenmanagement und dessen Struktur sowie die Industrie 4.0-Fähigkeit der verwendeten Systeme (z.B. des ERP-Systems). Auch Experimente mit digitalen Zwillingen können zum notwendigen Kompetenzaufbau in Industriebetrieben beitragen.


Wir bedanken uns bei Peter van Harten für den äußerst spannenden Input! Die Veranstaltungen der Plattform Industrie 4.0 sind für alle Mitglieder der Plattform zugänglich. Sollte Ihr Unternehmen Mitglied, Sie aber nicht auf unseren Verteilern sein, melden Sie sich gerne bei michael.fellner@plattformindustrie40.at.

Sollten Sie noch kein Mitglied sein, freuen wir uns ebenfalls über Ihre Kontaktaufnahme!

Foto von Alina Grubnyak auf Unsplash

Michael Fellner