Wie können digitale Technologien dazu beitragen, Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz zu verbessern, ohne dabei Überwachung oder zusätzlichen Druck zu erzeugen? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Veranstaltung „Unterstützende digitale Systeme im Arbeitnehmer:innenschutz – Perspektiven aus Theorie und Praxis“, die am 25. Februar 2026 in St. Pölten stattfand.
Organisiert wurde die Veranstaltung von der Plattform Industrie 4.0 Österreich gemeinsam mit der Allgemeine Unfallversicherungsanstalt und der Arbeiterkammer Niederösterreich. Im Mittelpunkt standen aktuelle technologische Entwicklungen, praktische Anwendungsbeispiele aus Unternehmen sowie ein Workshop zur verantwortungsvollen Gestaltung digitaler Lösungen im Arbeitnehmer:innenschutz.
Digitalisierung im Arbeitnehmer:innenschutz – Chancen und Herausforderungen
Digitale Technologien gewinnen zunehmend an Bedeutung für die Prävention von Arbeitsunfällen und arbeitsbedingten Erkrankungen. In ihrem Impulsvortrag erläuterte Franziska Mally von der Allgemeine Unfallversicherungsanstalt, dass unterstützende digitale Systeme helfen können, Risiken frühzeitig zu erkennen, Arbeitsprozesse sicherer zu gestalten und Präventionsmaßnahmen gezielter umzusetzen. Dazu zählen etwa Wearables, die körperliche Belastungen oder Ermüdung erfassen, smarte persönliche Schutzausrüstung mit integrierten Sensoren sowie digitale Analysesysteme, die Bewegungen und Arbeitsabläufe auswerten. Auch Anwendungen aus dem Bereich Extended Reality werden zunehmend eingesetzt, etwa für Trainings oder Simulationen in virtuellen Umgebungen.
Solche Systeme können eine wichtige Informationsgrundlage schaffen, um Gefahren schneller zu identifizieren oder ergonomische Verbesserungen umzusetzen. Gleichzeitig wurde betont, dass digitale Tools Entscheidungen unterstützen, jedoch keine fachliche Bewertung durch Expert:innen oder verantwortliche Personen im Betrieb ersetzen. Neben den Chancen wurden auch mögliche Risiken thematisiert, etwa Fragen des Datenschutzes, mögliche Fehlinterpretationen von Daten oder eine zu starke Abhängigkeit von technologischen Systemen. Ein verantwortungsvoller Einsatz erfordert daher nicht nur technische Lösungen, sondern auch klare organisatorische Rahmenbedingungen und die Einbindung der Beschäftigten.
Ergo4All: Ergonomieanalyse per Smartphone
Ein zentraler Programmpunkt der Veranstaltung war der Launch der App Ergo4All, die von Forschenden der Technische Universität Wien gemeinsam mit Partnern entwickelt wurde. Die kostenlose Smartphone-Anwendung nutzt Künstliche Intelligenz und Bilderkennung, um Körperhaltungen am Arbeitsplatz zu analysieren und ergonomische Risiken sichtbar zu machen. Über die Kamera des Smartphones werden Bewegungsmuster erfasst und anhand etablierter ergonomischer Bewertungsmethoden ausgewertet.
Ein wesentliches Merkmal der Anwendung ist ihr Privacy-by-Design-Ansatz: Die Datenverarbeitung erfolgt direkt auf dem Gerät, ohne dass Videos oder Bilder an externe Server übertragen werden. Ziel der App ist es vor allem, das Bewusstsein für ergonomische Belastungen im Arbeitsalltag zu erhöhen. Muskel-Skelett-Erkrankungen zählen zu den häufigsten Ursachen für Krankenstände in Österreich. Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass viele Beschäftigte ergonomische Risiken im Arbeitsalltag unterschätzen oder nicht wahrnehmen. Die Anwendung soll daher dabei unterstützen, Arbeitsbewegungen bewusster zu reflektieren und mögliche Verbesserungen zu erkennen.
Praxisbeispiel aus der Industrie: Ergonomie bei Lenze
Wie ergonomische Prävention in der Praxis umgesetzt werden kann, zeigte das Beispiel der Lenze Austria GmbH. Im Unternehmen ist Ergonomie fest in das EHS-Management integriert und wird bereits bei der Planung neuer Arbeitsplätze berücksichtigt. Ergänzend dazu erfolgen regelmäßige interne Überprüfungen im Rahmen von 6S-Rundgängen und Linien-Audits. Darüber hinaus werden verschiedene Maßnahmen eingesetzt, etwa Handlingshilfen zum ergonomischen Bewegen von Lasten, passive Exoskelette in Logistik und Montage sowie kontinuierliche Verbesserungsprozesse im Rahmen von Lean- und Kaizen-Methoden.
Erste Erfahrungen mit der App Ergo4All zeigen, dass digitale Tools eine sinnvolle Ergänzung bestehender Prozesse sein können. Besonders hervorgehoben wurde die einfache Bedienbarkeit der Anwendung, die es auch Mitarbeiter:innen in der Produktion ermöglicht, ergonomische Bewertungen selbst durchzuführen.
Technologie zum Ausprobieren bei Hands-On-Stationen und ein interaktiver Workshop zum Schluss
Ein praktischer Einblick in die Technologie wurde bei den Hands-On-Stationen der Veranstaltung ermöglicht. Dort konnten Teilnehmer:innen die App selbst testen und unterschiedliche Arbeitshaltungen analysieren. Anhand beispielhafter Arbeitsplätze, etwa aus der Montage oder aus dem Büro, wurde sichtbar, wie die Anwendung ergonomische Belastungen erkennt und bewertet. Die Stationen boten die Möglichkeit, die Funktionsweise der Technologie unmittelbar zu erleben und ihre Einsatzmöglichkeiten im betrieblichen Alltag zu diskutieren.
Im abschließenden Workshop stand die Frage im Mittelpunkt, wie digitale Assistenzsysteme im Arbeitnehmer:innenschutz eingesetzt werden können, ohne Überwachung zu verstärken oder Beschäftigte zu entmündigen. Die Teilnehmenden diskutierten Voraussetzungen für eine partizipative Einführung solcher Technologien. Dabei wurde deutlich, dass Transparenz über Ziele und Nutzen der Systeme, die frühzeitige Einbindung der Beschäftigten sowie kontinuierliche Schulungen und Feedbackprozesse zentrale Faktoren für eine erfolgreiche Umsetzung sind. Ebenso wichtig ist es, Systeme regelmäßig zu evaluieren und an die Bedürfnisse der Menschen im Betrieb anzupassen.
Fazit
Die Veranstaltung zeigte, dass digitale Assistenzsysteme großes Potenzial bieten, um Sicherheit, Ergonomie und Gesundheit am Arbeitsplatz zu verbessern. Gleichzeitig wurde deutlich, dass der Erfolg solcher Technologien maßgeblich davon abhängt, wie sie gestaltet und eingeführt werden. Eine menschenzentrierte Digitalisierung, die Beschäftigte einbindet und Vertrauen schafft, ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass digitale Lösungen im Arbeitnehmer:innenschutz langfristig wirksam werden.
