Wie verändert eine 4-Tage-Woche das Arbeitsleben? Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich für Beschäftigte in Produktionsbetrieben – und welche Unterschiede zeigen sich zwischen Männern und Frauen, zwischen jungen und älteren Arbeitnehmer:innen?
Diesen Fragen widmete sich das Forschungsprojekt „Four is more?!“, gefördert vom Projektfonds Arbeit 4.0 der Arbeiterkammer Niederösterreich. Im Rahmen eines Research Insights am 23. Oktober 2025 stellten Priv. Doz. Dr. Martina Hartner-Tiefenthaler (TU Wien) und Dr. Eva Zedlacher (Webster Universität Wien) zentrale Ergebnisse vor.
4-Tage-Woche – Komprimiert statt verkürzt
Im Unterschied zu vielen bisherigen Diskussionen um flexible Arbeitsmodelle stand in diesem Projekt nicht der Arbeitsort, sondern die Gestaltung der Arbeitszeit im Mittelpunkt. Besonders relevant war die Frage: „Wie wirken sich komprimierte Arbeitszeiten – also dieselbe Stundenanzahl in vier statt fünf Tagen – auf Motivation, Gesundheit und Zufriedenheit aus?“ Denn echte Arbeitszeitverkürzungen bei vollem Gehalt sind in der Praxis noch selten; in den untersuchten Betrieben wurde meist mit komprimierten Wochenmodellen gearbeitet.
Drei Teilstudien, viele Perspektiven
Das Projekt umfasste drei Teilstudien, eine Online-Befragung, eine Befragung in elf niederösterreichischen Betrieben und qualitative Interviews in männer- und frauendominierten Bereichen.
An der Online-Befragung nahmen über 700 Arbeitnehmer:innen aus Niederösterreich und Wien teil. Die Mehrheit verbindet die 4-Tage-Woche mit mehr Freizeit und besserer Work-Life-Balance, aber auch mit längeren Arbeitstagen und höherem Stresspotenzial. In einem Betrieb mit verkürzter Arbeitszeit zeigte ein Experiment, dass Beschäftigte ihre Kolleg:innen in einer 4-Tage-Woche strenger beurteilen, wenn diese sich nicht „extra engagieren“ – Engagement wird in diesem Modell also stärker als Pflicht empfunden. Auch interessant: Das gleiche Verhalten wird bei Frauen tendenziell weniger positiv bewertet als bei Männern.
Der zweite Studienteil war eine Befragung in elf niederösterreichischen Betrieben, u. a. am Bau, in der Metalltechnik, in der Fenster- und Türenherstellung oder bei erneuerbare Energien. Die meisten Beschäftigten sahen die Einführung der 4-Tage-Woche als Maßnahme zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Zufriedenheit, Motivation und Identifikation mit dem Unternehmen blieben auch nach einem Jahr hoch. Müdigkeit und Zeitdruck reduzierten sich deutlich – vor allem bei jenen, die positive Erwartungen an die Umstellung hatten. Unterschiede zwischen Arbeiter:innen, Angestellten oder Führungskräften zeigten sich kaum – entscheidend war, wie gerecht und nachvollziehbar die Einführung wahrgenommen wurde.
Der dritte Teil der Studie umfasste qualitative Interviews in männer- und frauendominierten Branchen. In männerdominierten Betrieben (z. B. Bau, Karosserie) wurde die komprimierte Vollzeitwoche positiv bewertet – trotz längerer Arbeitstage. In frauendominierten Bereichen (Pflege, Kindergarten, Kosmetik) zeigte sich ein differenzierteres Bild: Da hier ohnehin Teilzeitmodelle dominieren, ist eine echte Verkürzung kaum möglich. Besonders deutlich wurde, dass ältere Beschäftigte und Personen mit Betreuungspflichten in der Praxis oft zu wenig berücksichtigt werden.
Zeitmanagement zwischen Familie und Schichtplan
Aus den Interviews mit Vätern in Produktionsbetrieben ergaben sich drei typische Strategien, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen:
- Quetschen: Alles schneller erledigen – das geschieht meist zulasten der Qualität von Sorgearbeit.
- Streichen: Freizeitaktivitäten oder soziale Kontakte werden reduziert, um den Alltag zu bewältigen.
- Verschieben: Aufgaben werden aufs Wochenende verlagert – was oft zu weiterer Ungleichverteilung führt.
Als ein Beispiel wurde „Rene“, Bauarbeiter und Vater eines Kleinkindes, der die 4-Tage-Woche begeistert annimmt, vorgestellt. Während er den Freitag für Familienzeit nutzt, trägt seine Partnerin unter der Woche die Hauptlast der täglichen Betreuung – ein Muster, das geschlechtsspezifische Ungleichheiten weiter verstärken kann.
Fazit: Chancen ja – aber nicht für alle gleich
Die Studien zeige: Die 4-Tage-Woche wird insgesamt positiv bewertet – vor allem, wenn sie gut kommuniziert und als Unterstützung der Mitarbeitenden erlebt wird. Erwartungsmanagement und Beteiligung der Beschäftigten sind zentrale Erfolgsfaktoren. Gleichzeitig braucht es mehr Sensibilität für unterschiedliche Lebenssituationen – insbesondere für Eltern, Teilzeitkräfte und ältere Arbeitnehmer:innen. Die Forscherinnen betonten: „Organisationen können durch transparente Kommunikation und Beteiligung viel dazu beitragen, dass sich die positiven Effekte langfristig halten.“
Aktuell plant das Forschungsteam bereits eine Folgestudie. Ziel ist die Untersuchung von Betrieben, die eine tatsächliche Arbeitszeitverkürzung um z. B. 5-10% bei vollem Gehalt, eingeführt haben. Interessierte Unternehmen können sich dafür beim Projektteam melden.
Die Studienautorinnen sind auf folgende Weise erreichbar:
Martina Hartner-Tiefenthaler: martina.hartner-tiefenthaler@tuwien.ac.at
Eva Zedlacher: eva.zedlacher@webster.ac.at
